Bischofswort




an die Pfarrgemeinden der Diözese Passau
zur österlichen Bußzeit 1998

1. Fastensonntag am 1.3.1998

(Pastorale Entwicklung im Bistum Passau)

  

Liebe Schwestern und Brüder!

"Zukunft" hat Hochkonjunktur. Die Jahrtausendwende, noch 22 Monate vor uns, beschäftigt viele. Das runde Datum zieht Menschen magisch an. Sie erhoffen sich den Umbruch, die neue Zeit. Die Sehnsucht nach der besseren Welt scheint nicht verschüttet.

Für uns Christen fand die große Zeitenwende mit Jesus von Nazaret statt. Wie er lebte, wirkte und starb, wurde für uns zu einem unüberbietbaren Lebensmodell. Tiefer, stimmiger, liebevoller ist menschliches Leben nicht vorstellbar. Mit ihm kam es zur Hoch-Zeit der Menschlichkeit. Gott, die Quelle des Lebens, verband sich unwiderruflich und endgültig mit uns.

Dankbar sehen wir auf die zwei Jahrtausende, in welchen die Erinnerung an Jesus nicht erloschen ist. Vieles von seinem heilenden Geist kam in die Welt und durchwirkt ihre Ordnungen bis heute. Menschen alleine aber hätten die Glut der Hoffnung und der Liebe kaum am Leben erhalten.

Ohne eine treibende geistige Kraft, ohne die überzeugende Macht des Heiligen Geistes hätte sich Gottes Wort in der Welt nicht entfalten können. Der Geist ist es, der Generation um Generation Menschen antreibt, so zu leben wie Jesus, der Herr. Denn "in ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen" (Joh 1,4;)

Ohne diesen Geist wären Zeugen und Apostel, Lehrer, Bekenner und Märtyrer nicht aufgetreten. Die Kirche wäre nicht entstanden oder bald "tönendes Erz und klingende Schelle" geworden. Sie hätte sich verbraucht wie jede Institution. Sie wäre verhärtet in unbarmherzige Gesetze und nichtssagende Riten, wäre unverständlich geworden in ihrer Sprache und unwirksam in ihren Symbolen. Weil aber der Geist Gottes lebt, in unseren Herzen, in unser aller Beten und Mühen, dürfen wir an unsere Kirche glauben.

Immer wieder will Gott sie nutzen als sein Instrument, das sein Lied von der Befreiung der Menschen aus Angst und Tod begleitet. Ein Instrument taugt aber nichts, wenn es falsch klingt. Deshalb sind wir als Kirche verpflichtet, uns immer neu stimmen zu lassen. Unser Handeln muß zusammenstimmen mit Gottes Absicht, "daß die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben." (Joh 10,10; )

Modell dafür ist – nach dem heutigen Evangelium – Jesus selbst: erfüllt vom Heiligen Geist ging er vierzig Tage in die Wüste, um sich seinen Gründen und Abgründen zu stellen. So hat er gelernt, Gottes Absicht zu erforschen und ganz mit seines Vaters Willen zusammenzustimmen.

Ergreifen wir dieses Modell im Jahr des Heiligen Geistes für unsere Kirche von Passau!

 

1.  "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" – wir brauchen die geistliche 
Erneuerung unserer Kirche!

Obwohl in unserm Bistum die Kirche lebt, ist der Zeitgeist an uns nicht spurlos vorübergegangen.

Unsere Seelsorge zum Beispiel - so menschlich und wertvoll sie im einzelnen sein mag - ist hektisch geworden. Zeit für das versöhnende Einzelgespräch fehlt; die weniger werdenden Seelsorger fühlen sich überfordert von der Fülle pastoraler Dienstleistungen. Atemlosigkeit breitet sich aus. Das rastlose Diesseits bestimmt, wie wir unsere Sakramente feiern. Vom gelassenen Gottvertrauen ist unserer Seelsorge nicht viel anzumerken. Das macht sie unfruchtbar. Sie kann sich nicht in Sitzungen und Aktionen erschöpfen. Immer mehr Seelsorger resignieren deshalb.

Resignation macht sich auch im Volk Gottes breit. Alle müssen erkennen, daß die Gestalt der Volkskirche an ihr Ende kommt. Die Versorgungsseelsorge gibt es nicht mehr. Pfarrgemeinden müssen sich immer häufiger ohne Pfarrer oder hauptamtliche Mitarbeiter/innen zurechtfinden. Wo in einer Gemeinde die Leitung fehlt und wesentliche Impulse für gläubiges Leben verloren gehen, bröckelt die Beziehung zur Kirche ab. Tragisch, daß dabei die wertvolle kirchliche Bindung der Kinder und Familien an ihre Kirche besonders abnimmt. Obwohl sich Ehrenamtliche wie nie zuvor in unserm Bistum engagieren, tragen das kirchliche Leben letztlich immer weniger Menschen. Die Kirchen werden leerer. Der Mangel kennzeichnet unsere Situation.

Doch ist die Lage nicht hoffnungslos, solange wir dem Geist Gottes den Raum geben, sie schöpferisch zu verwandeln. Denn keineswegs gibt es in unserer Welt den großen Abschied von der Religion. "Respiritualisierung" wurde zu dem Megatrend der 90er Jahre. Wir leben in einer Zeit tiefer religiöser Sehnsucht: vom Brot allein können Menschen nicht leben. Neben der Kirchenaustritts- gibt es heute wieder eine Kircheintrittsbewegung. Gottes Geist ist unruhig wie eh und je.

Doch vielen scheinen die alten Kirchen nicht mehr zu taugen. Sie vermissen in ihnen den Geist, der sie mit sich selbst, mit Gott und der Welt versöhnt sein läßt.

Deshalb müssen wir uns ernsthaft fragen: "Wie müssen wir uns verändern, daß wir das Evangelium Jesu Christi für die Menschen wieder neu fruchtbar sein lassen können?"

Diese Frage führte uns zu dem Entschluß, in unserm Bistum einen geistlichen Weg anzustoßen, der möglichst viele von uns zusammenführen soll. Wir nennen das Projekt "Pastorale Entwicklung im Bistum Passau". Es läuft gegenwärtig an und soll bis Pfingsten 2000 möglichst viele Menschen in ein geistliches Gespräch einbinden. Ein Leitbild soll entstehen, das die Kraft hat, unsere Seelsorge das nächste Jahrzehnt zu formen.

Alle sind hierzu gefragt, nicht nur die Experten. Denn wir alle sind Kirche. Geist-Getaufte und Gefirmte sind wir und haben die Gaben bekommen, gemeinsam das ererbte Haus unserer Kirche um- und weiterzubauen.

     

2.  "Deinem Gott allein sollst Du dienen" – unsere Seelsorge auf dem Weg der Erneuerung

Die zentrale Frage bei unserem geistlichen Erneuerungsweg wird lauten: "Herr, was willst Du, daß wir tun, hier und heute für die Zukunft der Kirche von Passau?" Damit ist gesagt, daß Jesu Bild von Gott und Menschen zum Leitbild unserer Seelsorge werden muß. Ihm allein hat Kirche zu dienen.

Wie geht nun der Weg?

In einer ersten Phase müssen wir den bistumsweiten Dialog gründlich vorbereiten. Eine Projektgruppe wird unter wissenschaftlicher Begleitung den gesamten Verlauf organisieren und mit der Pastoralen Arbeitskommission unter meiner Leitung abstimmen.

Zunächst bitten wir rund siebzig Frauen und Männer aus verschiedenen Bereichen unserer Diözese in Interviews um ihre Sicht der Seelsorge. Diese Christen haben wir ausgewählt, weil sie uns für das Volk Gottes, die Seelsorger und die Leitung des Bistums repräsentativ erscheinen. Ihre Sicht - verdichtet auf die wesentlichen Aussagen - soll eine erste Gesprächsgrundlage bilden.

In einer zweiten Phase werden sich die Seelsorger des Bistums und viele seiner Räte und Verbände im Geist Jesu Gedanken machen, was die heutige Lage unseres Bistums an Erneuerung und Veränderung bedarf. Dabei ist neben allen Einrichtungen auch die Qualität der Seelsorge kritisch in den Blick zu nehmen.

Diese Vorschläge sollen in einer dritten Phase von möglichst vielen Gemeinden, Gruppen und Einzelpersonen des Bistums weiter bedacht, geprüft und verändert werden.

Schließlich sollen sich in einem knappen Wort klare und verbindliche Ziele für die zukünftige Seelsorge finden. Diese gehen in einen Pastoralplan ein, der vom Diözesanrat, Priesterrat und mir unterzeichnet werden soll.

Wir führen unsere Gespräche als Glieder der katholischen Kirche. Dies bedeutet: wir wissen uns ihrer Lehre und ihrer Struktur verpflichtet.

     

3.  "Du sollst den Herrn nicht auf die Probe stellen" – nur gemeinsam geben wir unserer Kirche ein neues Gesicht

Jesu dritte Versuchung läßt Gott für alles verantwortlich sein, auch für den sinnlosen Sturz vom Tempel. Damit wäre dem Menschen das genommen, was er zum Leben bekommen hat: die Freiheit, deren Rückseite Verantwortung heißt.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir alle tragen die Verantwortung für unser Bistum und seine Pfarrgemeinden, Sie und ich. Wir sind das Volk Gottes unterwegs. Zur Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Wahrheit sind wir berufen und gesandt als "Licht der Welt" und "Salz der Erde" in alle Welt (vgl. LG II,9).

Dafür brauchen wir eine Seelsorge, die genau weiß, was sie will und zu tun hat. Unsere Kräfte sind begrenzt. Wir leben im Mangel. Deshalb müssen wir unsere Kernaufgaben finden und uns auf das Wesentliche konzentrieren. Daß dies gelingt, brauchen und wollen wir Sie, Ihr Gebet, Ihre Phantasie, Ihren Ideenreichtum und Ihre Liebe zur Kirche.

Helfen Sie zur gegebenen Zeit mit, unser Bistum im Geist des Herrn gemeinsam weiterzuentwickeln.

Ich grüße Sie und erbitte für unser Wirken den Segen des dreieinigen Gottes + des Vaters und + des Sohnes und + des Heiligen Geistes.



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