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Hirtenwort von Bischof Wilhelm Schraml
zum Beginn seines Wirkens als Bischof von Passau
und zur österlichen Bußzeit 2002
Liebe Schwestern und Brüder!
In der Zeit nach meiner Ernennung bis zur feierlichen Amtseinführung gestern, wurde ich oft gefragt: Herr Bischof, was wird jetzt, wohin geht es? Wie es weitergehen soll, das ist auch immer wieder die Anfrage der österlichen Bußzeit an einen jeden von uns. "Alle Straßen des Menschen führen in die Sackgasse", habe ich einmal gelesen und nicht wenige werden das aus eigener Erfahrung bestätigen können. Aber: "Alle Straßen des lebendigen Gottes führen nach Ostern", hat jener Text geendet. Mit dieser Perspektive möchte ich in meinem ersten Hirtenwort auf die Fragen an den neuen Bischof eine grundsätzliche Antwort versuchen.
Alle Straßen des lebendigen Gottes führen nach Ostern! Für einen Augenblick leuchtet heute im Evangelium des zweiten Fastensonntags den Jüngern auf dem Berg dieses endgültige Ziel auf. Der Himmel bestätigt eindrucksvoll das vorausgehende Bekenntnis des Petrus: Jesus ist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Auf Christus laufen das Gesetz und die Propheten zu. In ihm, dem einzigen Erlöser, erfüllen sich alle Verheißungen. Zunächst aber geht es bergabwärts auf die rauhe Bahn. Der Weg führt nach dieser Taborstunde hinauf nach Golgota, ans Kreuz. Da geht nichts mehr. Der Tod ist wie eine unausweichliche Sackgasse. Der Weg Jesu aber ist der Weg des lebendigen Gottes. Die Spur Christi führt durch den Tod hindurch zur Fülle des Lebens. Da ist nicht Ende, sondern Vollendung. Jesus ist den Weg der Menschen ganz ausgegangen. Er ist der Anführer auf dem Weg des ewigen Lebens. Er ist "der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte" (GS 10). Alle Straßen des lebendigen Gottes führen tatsächlich nach Ostern. Das ist auch unser Ziel, wenn wir unseren Lebensweg mit Jesus gehen.
Jesus Christus gilt es darum immer neu "kennen zu lernen, zu lieben und nachzuahmen, um in ihm das Leben des dreifaltigen Gottes zu leben und mit ihm der Geschichte eine neue Gestalt zu geben, bis sie sich im himmlischen Jerusalem erfüllt" (NMI 29). Dieses apostolische Programm, das unser Heiliger Vater Papst Johannes Paul II. für die Kirche auf dem Weg ins dritte Jahrtausend vorgibt, ist auch mein erklärtes Programm als Bischof von Passau. Darum bitte ich euch zu Beginn meines bischöflichen Wirkens mit dem Hebräerbrief eindringlich: "Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens" (12,1f).
Dazu hilft uns das tägliche, beharrliche Gebet. Im Gebet entwickelt sich im Christenleben jene innige Verbundenheit mit Christus, der uns zu seinen engsten Vertrauten machen will: "Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch" (Joh 15,4). Diese Freundschaft mit dem Herrn ist der eigentliche Kern, die Seele des christlichen Lebens und auch die Voraussetzung für jede Seelsorge. Wer aus dem Gebet lebt, sieht die Welt anders. Der betende Mensch kann die ganze Wirklichkeit als verdankt verstehen und darum mit größerer Zuversicht an die Aufgaben herangehen, die sich heute stellen. Das Christsein verliert an Kraft, wenn es nicht mehr an das persönliche Beten und an dessen Quelle und Höhepunkt, die hl. Messe, zurückgebunden ist. In der Eucharistie gibt uns Christus ja das Unterpfand seiner kommenden Herrlichkeit. Die Teilnahme am heiligen Opfer macht unser Herz seinem Herzen gleich, unterstützt unsere Kräfte auf dem Pilgerweg dieses Lebens, läßt uns das ewige Leben ersehnen und vereint uns schon jetzt mit der Kirche des Himmels (vgl. KKK 1419).
So macht uns das treue Gebet Beine und bestärkt uns auf dem Weg der Nachfolge. Wenn wir betend unterwegs sind, bleiben wir frisch und haben keinen Grund, uns vor der Zukunft zu fürchten. Deshalb werte ich die Gebetserziehung als existentiellen Schritt jeder pastoralen Planung. Der Passauer Pastoralplan (PEP), der mir mit großen Erwartungen in die Hände gelegt wird, hat mit der Überschrift "Im Geheimnis Gottes wohnen" diesen alles entscheidenden Akzent zurecht an seinen Anfang gesetzt. Das greife ich gerne auf. Daß durch den Dienst der Kirche von Passau Menschen die Nähe Gottes erfahren, ist auch mein "Projekt Nr. 1"!
Unsere Familien, unsere Pfarrgemeinden und kirchlichen Verbände und Gemeinschaften müssen echte "Schulen des Gebetes", Orte der gelebten und erlebbaren Weggemeinschaft mit Christus sein. Wenn wir aus den vielen wertvollen Impulsen und Anstößen des Passauer Pastoralplans zunächst diesen ersten Schwerpunkt anpacken, dann soll damit in der Praxis das im Text benannte wesentliche Prinzip der christlichen Lebensauffassung zur Geltung kommen: der Vorrang der Gnade. Es gibt eine Versuchung, die seit jeher jeden geistlichen Weg und auch das gut gemeinte pastorale Planen und Wirken gefährdet, nämlich zu glauben, dass das Erreichen des Lebensziels von unserem Machen und von Strukturen abhängt. Sicher bedarf die Kirche irdischer Mittel, um ihre Sendung in der Welt erfüllen zu können und Seelsorge braucht Strukturen, das ist wahr. Aber sie ist dadurch nicht schon lebendig. Die Kirche lebt von Gottes Geist und von begeisterten Menschen. Wo "Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung" (Gal 5,22-23) als Frucht des Heiligen Geistes gelebt werden, da ist Kirche lebendig . Ich danke Ihnen heute ausdrücklich für alles Engagement bisher und bitte jeden und jede, darin nicht nachzulassen. Von Herzen wünsche ich, daß das Urbekenntnis unseres christlichen Glaubens: "Jesus Christus ist der Herr" (Phil 2,11), das zugleich ein Gebet ist, uns neuen Schwung gibt, für den gemeinsamen Weg voraus.
Das Sakrament der Versöhnung gehört zu den wertvollsten Gaben auf dem Weg. Glauben und Leben dürfen nicht auseinander gehen. Deshalb ermutige ich in allem und trotz allem hinzuschauen auf Christus. Habt keine Angst! In ihm zeigt uns Gott ja sein mitfühlendes Herz. Durch den Dienst der Kirche ist uns sein reiches Erbarmen zugänglich. Das Antlitz des gütigen Christus dürfen wir in dieser österlichen Bußzeit gerade im Bußsakrament wieder neu entdecken. Es führt zu dem, der das Herz des Menschen am besten kennt.
Gertrud von Le Fort läßt in ihren "Hymnen an die Kirche" diese über sich selber sagen: "Ich bin die Straße aller Straßen: Auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott."
Dieser Weg steht auch heute allen offen. Noch immer ist die Kirche unterwegs. Wir sitzen den Glauben nicht aus. Vielmehr wagen wir Christen wie Abraham täglich neu unser Leben auf Gott hin. Wir sind als Pilger unterwegs auf den Straßen dieser Welt, hin zur ewigen Heimat bei Gott.
Heute, am Tag nach meiner Amtseinführung bin ganz bewußt nach Altötting gegangen. Ich reihe mich zu Beginn meines bischöflichen Wirkens ein in die Schar der Beter. Auf der Suche nach Orientierung und zielführender Wegweisung haben sich seit vielen Generationen von überallher Unzählige der kundigen Führung Unserer Lieben Frau anvertraut. Im Himmel schon mit Leib und Seele verherrlicht leuchtet sie als Bild und Anfang der vollendeten Kirche dem Volk Gottes auf seinem Weg voran. Am kreuzerprobten Glauben der Gottesmutter, an ihrer ausdauernden Hoffnung und an ihrer unverzagten Liebe nehme ich mir als Bischof ein Beispiel. Wer sich an Maria hält, findet den rechten Weg. Sie führt sicher zu Christus und sie weist zugleich ein in die alltägliche Nachfolge: "Was er euch sagt, das tut" (Joh 2,5).
Für unsere Diözese Passau und meinen bischöflichen Dienst rufe ich heute am Gnadenaltar die Fürsprache der Mutter der Kirche an, auf daß wir alle dem heiligen Ruf Gottes in unserem Leben entsprechen und würdig werden der Verheißungen Christi.
Alle Straßen des lebendigen Gottes führen nach Ostern! Dahin geht es!
Dazu segne Euch der allmächtige Gott + der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
Ihr Bischof
Wilhelm Schraml
Bischof von Passau
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