Diözesanbischof Dr. Franz Xaver Eder zum Projekt "Pastorale Entwicklung im Bistum Passau"




"Ecclesia semper reformanda". Es ist eine alte Weisheit, daß die Kirche sich aus dem Geist Gottes immer wieder zu reformieren hat. Und genau treffend beginnt im Jahr des Heiligen Geistes unser Bistum den diözesanweiten Weg der Weiterentwicklung und Erneuerung unserer Seelsorge. Wir nennen das Projekt "Pastorale Entwicklung im Bistum Passau". Es soll bis zum Pfingstfest 2000 möglichst viele Menschen von der Bistumsleitung bis zu den Pfarrgemeinden in das geistliche Gespräch einbinden.

Denn miteinander sind wir als Volk Gottes unterwegs. Ein Leitbild soll entstehen, das die Kraft hat, unsere Seelsorge für das nächste Jahrzehnt zu formen, ein Pastoralplan in knappen Worten mit klaren verbindlichen Zielen, den ich, vom Diözesanrat, Priesterrat und vom Geistlichen Rat gutgeheißen, in Kraft setzen werde.

Dem gegenläufig, gibt es in unserer Welt keineswegs den großen Abschied von der Religion. Wir leben in einer Zeit tiefer religiöser Sehnsucht: vom Brot allein können die Menschen nicht leben. Nur läuft die religiöse Sehnsucht oft an uns vorbei, hinein in esoterische Buchläden oder Selbsterfahrungskurse. Dennoch: Neben der Kirchenaustritts- gibt es heute wieder eine Kircheneintrittsbewegung. Gottes Geist ist unruhig wie eh und je.
Wir leben heute in einem gewaltigen Umbruch, der sich mit Kirche und Religion, ihrem Selbstverständnis und ihrem Ort in der Gesellschaft vollzieht. Das Christentum ist nicht mehr automatisch in der Gesellschaft und deren Kultur geschützt. Viele Formen der Weltanschauung konkurrieren.

Wir leben heute in einer Multi-Options-Gesellschaft. Jeder handelt so, daß durch sein Handeln viele weitere Möglichkeiten entstehen. Die Kehrseite dieser Gesellschaft sind Mini-Obligations-Menschen: Menschen, die sich zu immer weniger verpflichten lassen. Traditionelle Wertsysteme, wie sie eben die Kirche bietet, sind unsicher geworden oder gehen verloren.

Die gesellschaftliche Pluralität hat auch vor unseren Kirchentüren nicht haltgemacht. Das Individuum, in persönlicher Freiheit selbstbestimmt, ist auch in unseren Gemeinden präsent. Es artikuliert seine Interessen und Vorstellungen von Gemeinde und Pastoral, von Nähe und Distanz zur Kirche, von Gottesdienst und Sakrament. Wir haben ein Spektrum vom "treuen Fernstehenden und Kirchensteuerzahler" bis zum regelmäßigen Sonntags-Gottesdienst-Besucher und im Pfarrgemeinderat aktiven. Und immer mehr Menschen suchen den Erlebnischarakter im religiösen Tun, gekoppelt mit der Frage: "Was bringt mir das persönlich?". Manche verabschieden sich von uns, leise und unauffällig. Die Kirche scheint ihnen keine Heimat mehr zu sein. Sie vermissen in ihr den Geist, der sie mit sich selbst, mit Gott und der Welt versöhnt.

Gleichzeitig verweigern viele angesichts der ungeheuren gesellschaftlichen Wahlmöglichkeiten, Widersprüchlichkeiten und damit verbunden auch Risiken das Gespräch. Sie suchen in den Gemeinden nach klaren Ordnungen und Eindeutigkeiten, nach Konformität und Sicherheit.

Dabei hat unsere Multi-Options- und Multi-Funktions-Gesellschaft ihre Opfer und Verlierer, die unserer Praxis der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, unserer Solidarität und Anwaltschaft sicher sein müssen.

Diese gesellschaftlich angestoßenen Umbrüche erfolgen nun zu einer Zeit, in der innerkirchliche Strukturprobleme zutage treten. Der Priestermangel führt zur Überlastung der weniger gewordenen Pfarrer und Kapläne, verbunden mit Zuständigkeitsfragen für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die immer weniger werdenden Seelsorger fühlen sich überfordert von der Fülle der pastoralen Dienstleistungen.

Wir stellen fest, daß unsere Seelsorge, so menschlich und wertvoll sie im einzelnen ist - zu oft der Hektik ausgeliefert ist und zu wenig Zeit für das versöhnende Einzelgespräch bleibt. Das rastlose Diesseits bestimmt, wie wir unsere Sakramente feiern. Vom gelassenen Gottvertrauen ist oft nicht viel zu spüren. Das macht sie unfruchtbar. Seelsorge kann sich auch nicht in Sitzungen und Aktionen erschöpfen.

Gleichzeitig stellen wir fest, daß die bisherige Form der Volkskirche an ihr Ende kommt. Die flächendeckende Versorgungsseelsorge gibt es nicht mehr. Pfarrgemeinden müssen sich immer häufiger ohne Pfarrer oder hauptamtlich tätige Frauen und Männer vor Ort zurechtfinden. Wo aber in einer Gemeinde die Leitung fehlt und wesentliche Impulse für gläubiges Leben verlorengehen, bröckelt die Beziehung zur Kirche ab. Besonders tragisch ist für mich, daß gerade die wertvolle Bindung der Familien und Kinder abnimmt. Und obwohl sich Priester, haupt- und ehrenamtlich Tätige mühen und engagieren wie wohl nur selten im Lauf der Kirchengeschichte, werden es immer weniger, die das kirchliche Leben tragen.

Angesichts dieser Situation, die ich nur blitzlichtartig und damit verkürzt aufzeigen konnte, haben wir uns als Kirche von Passau zu fragen: "Wie müssen wir uns verändern, daß das Evangelium Jesu Christi für die Menschen wieder neu fruchtbar werden kann?". Diese entscheidende Frage führte uns zu dem Entschluß, in unserem Bistum einen geistlichen Weg anzustoßen, der möglichst viele zusammenführen soll.

Und auf diesem Erneuerungsweg werden wir uns wieder und wieder die Frage stellen: "Herr, was willst Du, daß wir tun, hier und heute für die Zukunft der Kirche von Passau?". Damit ist gesagt, daß Jesu Bild von Gott und den Menschen zum Leitbild unserer Seelsorge werden muß. Ihm allein hat die Kirche zu dienen.

Unsere Kräfte, die personellen und finanziellen Ressourcen, sind begrenzt. Deshalb müssen wir unsere Kernaufgaben finden und uns auf das Wesentliche konzentrieren. Dazu bedarf es der Selbsterkenntnis. Wie sind wir, was wollen wir? Die Kirche muß prüfen, inwieweit sie selbst ihrer Botschaft, der Lehre Jesu, gerecht wird. Und es bedarf der Menschenkenntnis. Wie sind die Menschen? Was wollen sie von uns? Was brauchen sie von uns? Letztlich geht es um die Einheit von Wort und Tat, kurz gesagt, gelebte Ecclesia oder Reich-Gottes-Praxis.

Sie alle tragen Verantwortung für unser Bistum und seine Pfarrgemeinden, jede und jeder auf seine spezielle Weise, mit seiner Art und seinen Charismen. Wir sind dabei miteinander unterwegs. Damit unser Projekt "Pastorale Entwicklung im Bistum Passau" gelingen kann, brauchen wir Ihre Phantasie, Ihren Ideenreichtum und Ihre Liebe zur Kirche. Helfen Sie mit, unser Bistum im Geist unseres Herrn Jesus Christus, dem Haupt seiner Kirche, weiterzuentwickeln.



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